Immer wieder kommt es vor, dass Kinder bei unterschiedlichen IQ-Tests andere Werte bekommen. Woran liegt das?
Zunächst mal ist es ein bekanntes Phänomen, das z.B. IQ-Testergebnisse, die in Gruppentests erhoben werden schwächer ausfallen wenn „hochbegabte Underachiever Gruppentestungen mit Klassenarbeiten, also typischen Misserfolgssituationen in ihrer Vorgeschichte, assoziieren.“ (Preckel & Vock 2020)

Eine kleine IQ-Testergebnisgeschichte einer Schülerin, die keinen IQ-Test in unserer Praxis gemacht hat, sondern von Schulpsychologinnen oder Beratungslehrkräften getestet wurde:
- Testung mit dem AID 2 in der 3. Klasse: IQ 150
- Testung mit dem KFT 4-12+ R in der 8. Klasse: IQ 122
- Testung bei Mensa (Gruppentest): IQ 112
- Testung mit dem IST 2000 im Alter von 18 Jahren: IQ >145
Welcher IQ ist nun der richtige?
Ein Testergebnis ist immer eine Momentaufnahme. Hohe Werte können nicht gefälscht sein. Es sei denn die Testleitung vergibt Punkte für falsche Antworten. Aber ein nach den
berufsethisch festgeschriebenen Richtlinien für die Erstellung psychologischer Gutachten erstellter Testbericht der ein hohes Ergebnis ausweist ist als gesichert anzunehmen.
Sie kennen das Phänomen auch von Blutwerten, die je nach Tageszeit und Labor unterschiedlich ausfallen können obwohl alle sich an die Vorgaben halten.
Wenn ein Kind also nicht in seiner Leistungszeit und in einer ungünstigen Umgebung getestet wird dann kommt es häufig zu niedrigeren Ergebnissen.
Außerdem gibt es in der Hochbegabungsdiagnostik noch ein paar Fallstricke. Kinder mit hohem Perfektionismus weißen gerne eine verlängerte Verarbeitungsgeschwindigkeit auf. Sie überprüfen ihre Antworten mehrfach bevor sie die Antwort ankreuzen bzw. sagen. Sind die Fragestellungen zu einfach dann kann es beim Kind zu Leichtsinnsfehlern kommen wenn zu komplex gedacht wird. Auffällig ist dann dass die schwierigeren Aufgaben richtig beantwortet werden.
Manche Kinder gehen nicht in Kooperation mit der Testleitung wenn sie sich nicht verstanden fühlen oder sich unwohl fühlen. Dann kann es sein, dass keine Antworten gegeben werden obwohl das Kind die Antwort kennt.
In Gruppentests mit Multiple Choice Aufgaben können hochbegabte Kinder ungeduldig und oberflächlich arbeiten wenn sie z.B. im Underachievement stecken.
Manche IQ-Tests weisen Deckeneffekte in der Hochbegabungsdiagnostik auf. Siehe dazu die Erklärung von Anne-Kathrin Stiller von der Karg-Stiftung :
„Ein Intelligenztest, der zur Feststellung einer Hochbegabung im Rahmen einer psychologischen Diagnostik eingesetzt wird, muss auch im (extrem) hohen Fähigkeitsbereich noch zuverlässig und differenziert messen. Dies ist nur möglich, wenn der Test schwer genug ist. Ein ausreichender Teil der Aufgaben (Items) muss so konstruiert sein, dass nur (sehr) wenige Kinder in der Lage sind, sie zu lösen. Ist der Test zu leicht, entstehen sogenannte Deckeneffekte: Kinder im oberen durchschnittlichen Bereich und hochbegabte Kinder schneiden dann gleich gut ab. Es fehlen schwierige Items, die es ermöglichen, zwischen Kindern mit sehr guten, überdurchschnittlichen oder weit überdurchschnittlichen Fähigkeiten zu unterscheiden. Über eine mögliche Hochbegabung kann keine Aussage getroffen werden. Deckeneffekte sind für Testanwender:innen in den Normtabellen des Testmanuals ersichtlich. Entscheidend ist eine feine, gleichmäßige Schwierigkeitsabstufung der Testitems im hohen Leistungsbereich.“
Anne-Kathrin Stiller vom Fachportal Hochbegabung
Manchmal werden auch IQ-Tests mit veralteten Normen verwendet so wie beim 2. Test der oben genannten Schülerin. Die Schulpsychologin hatte keine aktuellen Testverfahren zur Verfügung und auch kein Budget um neuere Verfahren zu kaufen.
Viele dieser Fallstricke sind Eltern nicht bekannt. Regelmäßig informieren wir deswegen in einem Vortrag darüber, den wir einmal pro Jahr im Netzwerk für Begabung anbieten.

Das Fachportal Hochbegabung der KARG-Stiftung hat alle gängigen IQ-Testverfahren auf deren Eignung für die Begabungsdiagnostik überprüft und veröffentlicht. Sie können hier auf der Website sich die Rezensionen anschauen und die IQ-Tests vergleichen.












